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lokales Erbe/ Faro-Konvention

Die Rahmenkonvention über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft, auch “Faro-Konvention” (2005) genannt, ist ein normatives Instrument, das vom Europarat im europäischen Raum entwickelt, ratifiziert und implementiert wurde. Die Faro-Konvention, die auf Menschenrechten und demokratischen Prinzipien fußt, öffnet die Grenzen der engen Definition von Kulturerbe. In der Tat betont die Konvention ein breiteres Verständnis von Erbe, europäischem Erbe und Gemeinschaften im Kulturerbe, die in den Prozess des (An-)Erkennes auf lokaler Ebene involviert sind und benutzt dabei innovative Begriffe und Definitionen, wie:

  1. Kulturerbe setzt sich aus einer Reihe von Ressourcen zusammen, die aus der Vergangenheit ererbt wurden und welche die Menschen unabhängig von der Eigentumszuordnung als eine Widerspiegelung und einen Ausdruck ihrer beständig sich weiter entwickelnden Werte, Überzeugungen, ihres Wissens und ihrer Traditionen identifizieren. Es umfasst alle Aspekte der Umwelt, die aus der Interaktion zwischen Menschen und Orten im Laufe der Zeit hervor gehen. […]” (Artikel 2 (a));
  2. “Eine Gemeinschaft im Kulturerbe besteht aus Menschen, die bestimmte Aspekte des Kulturerbes wertschätzen und welches sie im Rahmen einer öffentlichen Tätigkeit zu wahren und an nachfolgende Generationen zu übertragen wünschen.” (Artikel 2 (b));
  3. Das gemeinsame Erbe Europas besteht aus “[…] allen Formen des Kulturerbes in Europa, welche zusammen eine gemeinsame Quelle der Erinnerung, des Verständnisses, der Identität, des Zusammenhaltes und der Kreativität bilden, […]” (Artikel 3 (a)).

Diese Definitionen von Erbe können anderen internationalen Begriffsbestimmungen - insbesondere der, der UNESCO-Konventionen (1972, 2003) - gegenübergestellt und mit ihnen wie folgt verglichen werden: 

Norm, Programm

Jahr Organisation Erbe-Kategorie Wert Ziel Ethik
Welterbekonvention 1972 UNESCO Kulturerbe (materiell) Verbund "Kultur-Natur" (Stätten) Inventarliste Frieden
Konvention zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes 2003 UNESCO immaterielles Erbe lebendiger Ausdruck von Tradition Inventarliste Vielfalt
Faro-Konvention 2005 Europarat alle Arten von Ressourcen Erbe für Gesellschaft Bürgerbeteiligung Demokratie

 Tabelle 1: Vergleich der Konventionen, entwickelt von I. Brianso und Y. Girault (2014).

 

Der Europarat fördert eine Logik des Konsens in Erbefragen, in dem Sinne, dass zunächst lokale Akteure gemeinsam den Prozess der Aushandlung in Bezug auf Erbefragen und deren Schutz anstoßen müssen. Danach muss die Bevölkerung den Faro-Prinzipien aus der Konvention innerhalb der Gemeinschaften im Kulturerbe der betreffenden Gebiete folgen. Dadurch gibt es kein Kriterium für den Wert des Erbes, wie in den Standards der UNESCO, sondern einen kollektiven Konsens darüber, was das Erbe für Gesellschaft und Gemeinschaften im Erbe (NROs, Verbände, etc.) ausmacht.

Diese lokale Aushandlung passt zu den Kulturrouten. Die Kulturrouten, die 1987 durch den Europarat ins Leben gerufen wurden, zielen darauf, das Erbe verschiedener europäischer Länder in einen Dialog zu bringen, um die Vielfalt des Erbes für die europäischen Bürger greifbar zu machen.


Quellen

Conseil de l’Europe (2005).
Framework Convention on the Value of Cultural Heritage for Society.

Conseil de l’Europe (1950).
Convention européenne des droits de l’homme.

Brianso, I. (2016).
La Convention de Faro en perspective : analyse éthique du patrimoine culturel pour la société au Kosovo. Alterstice, 5 (2), pp. 21‐32.

Brianso, I. et Girault, Y..
« Innovations et enjeux éthiques des politiques environnementales et patrimoniales : l’UNESCO et le conseil de l’Europe », Éthique publique [En ligne], vol. 16, n° 1 | 2014, mis en ligne le 15 août 2014, consulté le 08 octobre 2018. URL : http://journals.openedition.org/ethiquepublique/1357 ; DOI : 10.4000/ethiquepublique.1357

Liévaux, P. (2009).
« La Convention de Faro, un outil original pour la construction et la gestion du patrimoine de l’Europe. » In : R. Palmer (dir.), Le patrimoine et au-delà (p. 49). Strasbourg: Conseil de l’Europe.

Zagato, L. (2013)
« The Notion of “Heritage Community” in the Council of Europe’s Faro Convention. Its Impact on the European Legal Framework » In: N. Adell, R. Bendix and C. Bortolotto (dir.), Between Imagined Communities of Practice. Göttingen University Press, Germany, pp. 141-168.